Süddeutsche Zeitung

 

11 März 2002

 

 

 

BORIA SAX: Animals in the Third Reich: Pets, Scapegoats and the Holocaust. Continuum press, Neuauflage London 2002. 208 Seiten, 18,99 Pfund.

 

 

 

Von Mäusen und Unmenschen

 

Tierliebe und Tierschutz im Dritten Reich – Ein grundlegendes Buch zu einem abgründigen Thema

 

 

 

 

 

Im Winter 1942, als über 250000 Wehrmachtssoldaten bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt in Stalingrad eingekesselt waren und in den Konzentrationslagern abertausende Häftlinge an der Kälte zu Grunde gingen, hatte der Reichswissenschaftsminister in Berlin andere Sorgen: Per Erlass ordnete er an, dass „in den Wintermonaten unter allen Umständen längere Transporte der Versuchstiere vermieden werden“. Er bezog sich dabei in seinem Schreiben an die Universitäten des Reiches explizit auf Meerschweinchen, denen er die Strapazen des Transports und die winterlichen Kälte nicht zumuten wollte. Eine menschenverachtende Tierliebe? Jedenfalls stand sie in Einklang mit der offiziellen NS-Tierschutzpolitik.

 

 

 

Tierliebe und Tierschutz im Dritten Reich: Dies ist ein historischer Komplex, der allzu oft auf Fotos von Hitler mit seinen Schäferhunden reduziert wird. Dabei war der Tierschutzgedanke in der NS-Ideologie eminent wichtig. Er fand Ausdruck imReichstierschutzgesetz“, das bereits im November 1933, also wenige Monate nach der Machtergreifung, erlassen wurde. Fortan waren Tierversuche im Dritten Reich verboten und konnten nur mit Erlaubnis des Reichsinnenministers durchgeführt werden. Hermann Göring drohte tierexperimentell tätigen Forschern schon 1933 mit dem Konzentrationslager, was ihn gleichwohl nicht davon abhielt, alsReichsjägermeister“ auf seinem Gut Karinhall exzessiv der Jagd zu frönen.

 

 

 

Die Erforschung der nationalsozialistische Tierliebe, aber auch die Frage nach der Instrumentalisierung von Tieren und ihrer Symbolik im Dritten Reich blieben bislang ein weißer Fleck auf der Karte der NS-Forschung.

 

 

 

Boria Sax gebührt das Verdienst, den ersten Versuch einer Gesamtdarstellung über Tiere im Dritten Reich vorgelegt zu haben. Dem amerikanischen Historiker gelingt es, eine Ideengeschichte des Tierschutzgedankens mit einer subtilen Analyse der nationalsozialistischen Weltanschauung zu verbinden. In Einzelkapiteln werden die völkisch- folkloristischen Mythen über den „arischen Wolf“, das als semitisch geschmähte Lamm, das „Schwein als Kriterium für nordische Völker“ (so Reichsbauernführer Darré) dekonstruiert und in die Entwicklung des NS-Ideologie eingeordnet. Denn nationalsozialistische Tierliebe galt längst nicht allen Tieren gleichermaßen, war also keingränzenloses Mitleid mit allen lebendigen Wesen“ (Schopenhauer), sondern eine krude Mischung aus Darwinismus, nietzscheanischer Kulturkritik und romantischer Naturidealisierung, als deren Paradigma der Autor das BegriffspaarRaubtier und Beuteausmacht. Die einem mißverstandenen Darwinismus folgende Differenzierung zwischen starken, dasheisst reinrassigen, wilden Tieren und schwachen, sprich: durch Domestikation degenerierten und lebensunwerten Tieren ließ sich in den Augen von Rassefanatikern leicht auf Menschen übertragen.

 

 

 

Das holistische Weltbild der Nationalsozialisten, in dem Mensch und Natur einen Organismus bilden, dessen degenerierte Teile ausgemerzt werden müssen, öffnete der Werteverschiebung, derDehumanisierung“ (Sax) Tür und Tor. Für Mensch und Tier war in diesem Denken die Existenzberechtigung abhängig von Kriterien wiereinrassig oder Mischlingodergesund und krank“. In diesem Zusammenhang erst lässt sich der berüchtigte Satz in Himmlers Posener Rede von 1943 ideengeschichtlich einordnen: „Wir Deutschen, die wir als einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier haben, werden ja auch zu diesen Menschentieren (gemeint sind hier explizit die Slawen, D.J.) eine anständige Haltung einnehmen.“

 

 

 

Dass der Reichsführer SS dabei Anspruch und Wirklichkeit der nationalsozialistischen Tierschutzpolitik verwechselte, kommt bei Sax etwas zu kurz: Denn in der militärischen und außeruniversitären Forschung war die „anständige Einstellung zum Tier“, in Form der Bestimmungen des Reichstierschutzgesetzes mit Kriegsbeginn faktisch außer Kraft gesetzt. Während die Universitäten immer wieder durch Vorschriften gegängelt wurden, blieben etwa die Sprengstoffversuche der Wehrmacht mit Hunden ungeahndet.

 

 

 

DANIEL JÜTTE